Navigation

Hauptmenü

Servicemenü

Pfad

Bereichsmenü

Infobrief


Motto

Bemerkens-
wertes zur Barrierefreien Informations-
technik

bit.infobrief Nr. 5 vom 07.04.2004

Liebe Kollegen,

der bit.infobrief geht mit der heutigen Ausgabe in sein zweites Jahr. Und auch die Barrierefrei-Szene zeigt deutliche Anzeichen von Konsolidierung.


1. Barrierefrei goes mainstream

Wenn sogar ComputerBild ihn kennt, dann ist der Ausdruck "barrierefreies Internet" wirklich im Mainstream angekommen. Ein CeBIT-Event schaffte es bis auf die Titelseite von Spiegel Online: Die Polizei von Nordrhein-Westfalen eröffnete die zweite Stufe ihres barrierefreien Internetauftritts, die Online-Strafanzeige. Der neue Bürgerservice glänzt mit allgemeinverständlichen Formularen, und ist per Handy und mit Braillezeile gleichermaßen gut zu bedienen. Dieser Fortschritt ist nicht nach jedermanns Geschmack. Polizisten befürchten Mehrarbeit, berichtet der Spiegel, da aufgebrachte Bürger jetzt auch bei Bagatelldelikten direkt am Tatort Anzeigen aufgeben könnten, die sie sich beim herkömmlichen Gang auf die Wache noch einmal überlegt haben würden. Was wir daraus lernen: E-Government, sofern es barrierefrei ist, funktioniert wirklich, und dann wird es unser Leben verändern!

Zum Seiteninhalt.

2. BITV in den Bundesländern

Die richtige Breitenwirkung wird das barrierefreie Internet erst dann entfalten können, wenn es bis zu den Städten und Gemeinden vorgedrungen sein wird. So warten wir alle ungeduldig auf den Erlass von Rechtsverordnungen zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik in den Bundesländern. Die Länder zögern offenbar, ob man wirklich die im Bund gültige BITV einfach kopieren soll, wie es die Behindertenverbände und alle Experten fordern.

Bei einem Werkstattgespräch am 31. März 2004 in Berlin diskutierten rund 140 Experten die Erfahrungen mit der BITV knapp zwei Jahre nach ihrer Einführung auf Bundesebene. Die Bundesbehörden werden voraussichtlich den gesetzten Termin einhalten und bis Ende 2005 alle Internetangebote barrierefrei umgestalten, kündigte eine Vertreterin des Ministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung an. Wie dies ohne zentral organisiertes Controlling gehen solle, wunderten sich einige Diskussionsredner, und forderten eine Zertifizierungsstelle nach dem Vorbild des TÜV. Die aus Bundesmitteln geförderten Beratungsprojekte AbI und BIK stellten ihre Testverfahren vor, aus denen sich ein gemeinsames Prüfsiegel entwickeln soll.

Ganz ohne gesetzlichen Zwang hatten es die Polizei Nordrhein-Westfalen und die Bremische Bürgerschaft gemacht, und waren für ihre barrierefreien Internetauftritte mit dem BIENE-Award ausgezeichnet worden. Ihre Erfolgsrezepte:

  1. man muss es machen wollen
  2. man muss den richtigen Zeitpunkt für ein Relaunch abpassen
  3. man muss ein Zugpferd bei den Entscheidungsträgern finden
  4. man muss einen Experten für barrierefreies Webdesign einsetzen

Der Albtraum von 17 verschiedenen Barrierefrei-Standards in Bund und Ländern ist mit diesem Erfahrungsaustausch hoffentlich gebannt worden. Vielen Dank an die Veranstalter, den Behindertenbeauftragten der Bundesregierung und das AbI!

Zum Seiteninhalt.

3. Neue Testverfahren

Eine detaillierte Anleitung zur Bewertung der Zugänglichkeit von Internetauftritten liefert das Testverfahren des BIK-Projekts. Im Februar wurde ein Kurztest mit 52 Prüfschritten veröffentlicht, der die wichtigsten Checkpunkte der BITV-Priorität I umfasst. Dabei werden nur 7 Prüfschritte rein automatisch getestet, alle anderen erfordern das Urteil eines qualifizierten menschlichen Testers.

Gerade um die automatisch testbaren Checkpunkte kümmert sich das Fraunhofer-Institut in St. Augustin, das auf der CeBIT die Software imergo vorstellte. Hiermit sollen auch dynamisch erzeugte Websites komplett überprüft werden können. Mit den bisherigen, frei verfügbaren Testtools sind große Websites nur stichprobenartig zu erfassen.

Ein eingehender Test unter Beteiligung verschiedener Nutzergruppen springt heraus, wenn man seine Website zum BIENE-Award 2004 anmeldet. Die Teilnehmer des vergangenen Jahres haben einen ausführlichen Testbericht erhalten, der auch den alten Hasen im barrierefreien Webdesign noch Nüsse zu knacken aufgegeben hat. Die Testkriterien sollen in Kürze veröffentlicht werden.

Zum Seiteninhalt.

4. Gebärdensprache

Dass die BITV nicht alle Menschen mit Behinderungen gleichermaßen berücksichtigt, ist jetzt vom Bundesverband der Gehörlosen klargestellt worden. Die BITV sagt nichts über Gebärdensprache, die für viele gehörlose Menschen das einzige vollwertige Kommunikationsmedium ist. Darum setzen sich die Gehörlosen dafür ein, dass wichtige Internetseiten in Gebärdensprache übersetzt werden, und dass die BITV um einen entsprechenden Passus ergänzt wird.

Einfache Sprache, die ja als Leitlinie in der BITV steht, darf nicht so stark vereinfacht werden, dass wichtige Inhalte verloren gehen. Diese Gefahr sehen die Gehörlosen, wenn einfache Sprache gleichgesetzt wird mit der Verständlichkeit für Menschen mit Lernbehinderungen. Die Gehörlosen wollen keine "leichte Sprache", sondern eine möglichst klare, allgemeinverständliche Sprache. Als Ergänzung wollen sie eine Übersetzung in Gebärdensprache. - Diese Klarstellung war wichtig und beruhigt sicherlich jeden, der sich schon Sorgen gemacht hatte, man dürfe nach dem Umstieg auf Barrierefreiheit nur noch in Dreiwortsätzen schreiben.

Die Gehörlosen wollen keine technischen Hilfen, sondern einen menschlichen Übersetzer. Sie sind beunruhigt über den Gebärden-Avatar, der an der Uni Hamburg entwickelt wird und demnächst im Rahmen von E-Government-Anwendungen erprobt werden soll. Bisher kann die Kunstfigur nur kontrollierte Sprachen wie den Wetterbericht automatisch in Gebärden übersetzen. Auch die Gebärden des Avatars seien noch viel zu grob und unverständlich, so der Gehörlosenverband, als dass man jetzt schon Hoffnungen darauf setzen dürfe. Lieber solle man bei dem klassischen Verfahren bleiben und einen menschlichen Übersetzer auf Video aufnehmen.

Wie man die Gebärdensprach-Videos im Internet bereitstellen kann, ist allerdings noch nicht völlig zuverlässig gelöst. Wer heute Videos anbietet, stellt sie gleich in mehreren Formaten für verschiedene Media-Player zur Auswahl. Eins davon wird dann hoffentlich auf dem Computer des Nutzers laufen, und wenn nicht: keiner weiß genau warum.

Dass Gebärdensprach-Videos nicht teuer sind, sondern Kosten sparen helfen, machte Ralph Raule vom Gebärdenwerk Hamburg beim Werkstattgespräch am 31. März in Berlin klar: Wenn Verwaltungsverfahren in Gebärdensprach-Videos erklärt werden, kann ein gehörloser Bürger sich vorab im Internet informieren. Er kommt dann im Gespräch mit dem zuständigen Sachbearbeiter, das er mit Hilfe eines Gebärdensprachdolmetschers führt, schneller zum Ziel. Die dadurch einzusparenden Verfahrenskosten seien enorm.

  • Stellungnahme des Deutschen Gehörlosen-Bundes zur BITV
    http://www.gehoerlosen-bund.de/download/pdf/stellungnahme_bitv.pdf
  • Rolf Schulmeister: Lautlose Sprache multimedial. Das Projekt ViSiCAST
    http://www.wissenswandel.de/index.php?article_id=77
  • Erprobung von Gebärdensprach-Videos beim Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung
    http://www.bmgs.bund.de/deu/gra/gehoer/ghv_start.cfm
  • Gebärdenwerk Hamburg
    http://www.gebaerdenwerk.de/
Zum Seiteninhalt.

5. Technische Hilfen

Die Blinden und Sehbehinderten haben einen ganz anderen Zugang zu technischen Hilfen als die Gehörlosen, das ist mal klar. Auf BlIntUser, der Mailingliste der blinden Internet-User, boomen im Moment die innovativen Technologien, die unter reger Beteiligung blinder Pilotanwender entwickelt werden.

Produktreife erreicht hat DAISY, der neue Standard für digitale Hörbücher, an dem seit Jahren ein internationales Konsortium arbeitet. Der DAISY Reader wird nun in Deutschland von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig vertrieben, als spezielles Abspielgerät oder kostenfrei als Software für den PC. An Büchern und Zeitschriften ist schon einiges in dem neuen Format verfügbar, das die umständlichen Audiokassetten ablösen wird.

Die zahllosen Neuentwicklungen für den mobilen Gebrauch wie Blinden-Handy, Navigationsgerät, Einkaufsfuchs, Farberkenner etc. lassen offenbar bisher weder einzeln noch insgesamt die rechte Gebrauchstauglichkeit erkennen. Amüsiert sich ein selbst betroffener Hilfsmittelexperte: "Kommen wir bei 4 kg Ballast auf über 6.000 Euro, nur um drum herum zu kommen, Passanten zu fragen."

Auf dem Screenreader-Markt bahnen sich tiefgreifende Veränderungen an, denn die beiden deutschen Hersteller Baum und Frank Audiodata haben zu Jahresbeginn ihre Firmen zusammengelegt. Wie man hört, sollen die beiden Screenreader Virgo und Blindows zu einem Produkt zusammengefasst werden. Das Ergebnis wird sicher noch eine Weile auf sich warten lassen. Schon erledigt ist die Bereinigung der Webreader: Der WebWizzard wurde eingestellt, der WebFormator bleibt erhalten und ist jetzt auch mit Virgo bedienbar.

Wer jetzt eine grobe Orientierung möchte, was das alles für Produkte sind, dem sei der Katalog "barrierefrei kommunizieren" empfohlen. Der Katalog verzeichnet computergestützte Hilfsmittel für Behinderte, und beschreibt anschaulich exemplarische Produkte. Wer sich dann ernsthaft für ein Hilfsmittel interessiert, ist gut beraten, sich vor der Anschaffung erst mal richtig schlau zu machen. Für Marktübersichten, Checklisten und Testergebnisse ist immer noch INCOBS, der Informationspool Computerhilfen für Blinde und Sehbehinderte, die beste Adresse.

Zum Seiteninhalt.

6. Veranstaltungsankündigungen

SightCity, die jährliche Messe für Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte, findet vom 12. bis 14. Mai 2004 in Frankfurt statt.

Veranstaltung:
SightCity
Datum:
12.05.04 - 14.05.04
Ort:
Sheraton Airport Frankfurt
Kosten:
frei
Internet:
http://www.sightcity.de

Mehr Wert für alle, das Symposium für ein Internet ohne Barrieren, wird am 17./18. Juni in Trier zum zweiten Mal durchgeführt. Es gibt Workshops für Entscheider, Webdesigner und Anwender.

Veranstaltung:
Mehr Wert für alle
Datum:
17.06.04 - 18.06.04
Ort:
Trier, Robert-Schumann-Haus
Veranstalter:
Institut für Technologie und Arbeit (ITA) und Komitee
Kosten:
Workshops 150,-/70,- Euro
Internet:
http://www.mai-tagung.de

Das ist heute aber viel geworden. Ich verabschiede mich in die Osterferien!

Herzliche Grüße, und frohe Ostern

Brigitte Bornemann-Jeske

Fußzeile

Copyright

© 2006 BIT GmbH Hamburg - München

Weiter